„Die alte Technik ist schon sehr faszinierend“

Autosattler

Early 911S in Wuppertal ist ein weltweit renommierter Spezialbetrieb für die Reparatur, Wartung und Restaurierung historischer Porsches. Hier werden Jahr für Jahr Dutzende Porsche-Klassiker der unterschiedlichsten Baureihen und Baujahre neu aufgebaut. Eine Besonderheit dabei: Das Unternehmen macht fast alles selbst, und das gilt auch für den Innenraum. Ein Interview mit Thorsten Otto, dem Leiter der Sattlerei von Early 911S (erstes Bild unten).

 

Herr Otto, bitte erzählen Sie uns etwas über sich und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Thorsten Otto: Ich habe ursprünglich Konstruktionsbau und Polstertechnik gelernt und war schon vorher im Automotive-Bereich tätig. Vor zwölf Jahren haben Manfred Hering, der Inhaber von Early 911S, und ich uns kennengelernt. Er fragte damals, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm als Leiter der Sattlerei einzusteigen, und ich habe zugesagt. Damals war das Ganze natürlich noch viel bescheidener, und wir hatten weniger Mitarbeiter. Heute besteht unsere Abteilung aus sieben Sattlern und einer Näherin.

 

Was hat das Unternehmen dazu bewogen, Sattlerarbeiten selbst zu übernehmen und nicht – wie bei anderen Classic-Car-Spezialisten üblich – an einen externen Partner zu vergeben?

 

Otto: Bei der großen Menge an Fahrzeugen, die wir bei uns ständig in Arbeit haben, spielen Flexibilität und Schnelligkeit naturgemäß eine wichtige Rolle. Mit der eigenen Sattlerei können wir einfach besser planen und effektiver arbeiten. Außerdem können wir auf individuelle Wünsche reagieren, was gerade bei unserem Kundenkreis eine große Rolle spielt.

 

Alte Sitze und Polster zeigen Verschleißspuren

Erzählen Sie uns etwas über Ihre Arbeit.

 

Otto: Bei Classic Cars, die einige Jahrzehnte alt sind, zeigen nicht nur Karosserie, Mechanik und Elektrik, sondern auch Sitze und Polster meist deutliche Verschleißspuren. Wir zerlegen die Sitze daher komplett und prüfen jedes Einzelteil. Funktioniert die Mechanik noch? In welchem Zustand sind Bezüge und Nähte? Haben die Federn noch die richtige Spannung? Oder müssen sie ersetzt werden? Daran hängt dann der Umfang der Restaurierungsarbeiten ab, die wir vornehmen. Und natürlich von den Wünschen der Kunden.

 

Restaurieren Sie die Sitze originalgetreu oder verändern Sie sie auch manchmal?

 

Otto: Autoseriensitze waren früher oft weicher als heute und boten weniger Seitenhalt. Außerdem sind die Menschen heute im Schnitt größer, oft auch schwerer als vor 40 oder 50 Jahren. Das berücksichtigen wir, denn viele Kunden wollen in ihren Klassikern Sitze, die eher den modernen Gepflogenheiten entsprechen. Die Änderungen beschränken sich allerdings auf das Innenleben. Äußerlich entsprechen die Sitze ihren historischen Vorbildern. Bis hin zur Farbe der Nähte.

 

Leder ist nicht überall gleich dick

 

Welche Materialien verwenden Sie für die Bezüge und wie werden sie verarbeitet?

 

Otto: Das sind in erster Linie Leder, Kunstleder und verschiedene Textilien. Wir haben einen Partner in Österreich, der noch über die alten Maschinen verfügt, mit denen das Leder nach den original Porsche-Vorgaben verarbeitet werden kann. Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten allerdings einiges verändert. Früher wurde Leder beispielsweise meist nur an der Oberfläche gefärbt, heute hingegen wird es komplett durchgegerbt. Ein wichtiger Aspekt bei der Verarbeitung ist zudem das Schleifen, denn das Leder auf einem Sitz ist nicht überall gleich dick. An manchen Stellen schleifen wir es dünner, zum Beispiel dort, wo sich Nähte befinden.

 

Beziehen Sie Sitze immer komplett neu? Oder lässt sich altes Leder auch restaurieren?

 

Otto: Auf jeden Fall, Original-Bezüge lassen sich je nach Zustand durchaus noch restaurieren. Das verlangen viele Kunden auch ausdrücklich. Das Leder wird dann zunächst gründlich gereinigt und anschließend mit speziellen Ölen oder Fetten wieder geschmeidig gemacht. Die Nähte sind nach Jahrzehnten allerdings meist marode und müssen erneuert werden.

 

Stoffe werden originalgetreu nachgefertigt

 

Welche Textilien verarbeiten Sie?

 

Otto: In den alten Porsche-Modellen wurden oft sehr farbenfrohe Stoffe eingesetzt. Muster wie Hahnentritt oder Pepita waren sehr beliebt, die sind heute natürlich weniger verbreitet. Aber das ist kein Problem. Wir lassen diese Stoffe von Webereien in Kleinserien originalgetreu nachfertigen.

 

Wie lange brauchen Sie für die Aufarbeitung eines Sitzes?

 

Otto: Zwei bis drei Tage pro Sitz muss man schon einkalkulieren. Wir haben zwar inzwischen viel mehr Übung und Routine als in den ersten Jahren, aber es handelt sich immer noch um echte Handarbeit. Und es geht ja nicht nur um Polster und Bezüge, sondern auch um die Sitzmechanik. Oft sind die Getriebe der Sitzeinstellung korrodiert oder verharzt. Manchmal müssen wir Teile nachfertigen, Gewinde schneiden oder die Verchromung erneuern. Eine Besonderheit historischer Porsches ist zudem, dass die Sitze nicht nur Schaumstoff, sondern Federkerne enthalten. Das ist eine alte Technik, die aber hohe Qualität darstellt. Zum Glück verfügt Early 911S über ein großes Lager von Original-Ersatzteilen, auf das wir bei den Restaurierungen zugreifen können. Das gilt auch für Teile von Sitzen.

 

400 bis 500 Targa-Dächer neu aufgebaut

 

Was ist mit Cabrio-Verdecken? Gehören die auch zu Ihrem Aufgabenbereich?

 

Otto: Ja, Verdecke übernehmen wir ebenfalls. Dabei fallen übrigens manchmal sogar Holzarbeiten an: Die Verdecke der Porsche 356 Cabrios aus den 50er- und frühen 60er-Jahren hatten zur Versteifung noch Spanten aus Holz. Wenn diese Teile ersetzt werden müssen, machen wir das allerdings nicht selbst, sondern lassen sie von einem Schreiner anfertigen. Darüber hinaus restaurieren wir auch die Kunstleder-Faltdächer der Targa-Modelle. Wir haben davon bestimmt schon 400 bis 500 Stück neu aufgebaut – manchmal fragt sogar Porsche deshalb bei uns nach.

 

Ihr Beruf zeichnet sich offenbar durch ein sehr vielfältiges Arbeitsspektrum aus. Wie sieht es in Ihrer Branche mit Nachwuchs aus?

 

Otto: Für die Fahrzeugsattlerei gilt leider das Gleiche wie für viele andere Handwerksberufe: Geeigneten Nachwuchs zu finden ist nicht einfach. Ich schätze, dass wir bundesweit derzeit nur etwas 20 bis 30 Auszubildende haben. Ich hoffe sehr, dass sich diese Zahl in den kommenden Jahren steigern lässt. Denn ich finde, für jemanden, der Spaß an praktischer und kreativer Arbeit hat, ist das ein toller und abwechslungsreicher Beruf. Wir bilden bei Early 911S übrigens auch selbst aus

 

Eine persönliche Frage zum Schluss: Gibt es einen Porsche, an dem Sie besonders gerne arbeiten? Und was ist Ihr Lieblingsmodell?

 

Otto: Ach, wissen Sie, die Arbeit an Auto-Klassikern macht mir eigentlich immer Spaß. Die Technik von früher, die Qualität der Fahrzeuge und der Verarbeitung – das alles ist schon sehr faszinierend. Daran hat sich für mich über die Jahre nichts geändert. Und mein Lieblingsporsche? Nun, wenn ich frei wählen könnte, nähme ich wohl den Porsche 911 2.7 RS aus den frühen 70er-Jahren. Wirklich ein wunderschönes Auto.

 

Herr Otto, vielen Dank für dieses Gespräch.