Schönheit im Auge des Betrachters

Fotos: naeem mayet, Bull-Doser

Schönheit, so lautet ein schon seit der Antike bekanntes Sprichwort, liegt im Auge des Betrachters. Soll heißen: Was der eine hinreißend findet, gefällt einem anderen überhaupt nicht – und beides hat seine Berechtigung. Eine objektive Bewertung für Schönheit gibt es nicht.

Doch da gibt es ja den sogenannten „Goldenen Schnitt“. Er bezeichnet ein bestimmtes, mathematisch berechenbares Verhältnis von Proportionen, das im Allgemeinen als besonders harmonisch und damit „schön“ empfunden wird. Der Goldene Schnitt (der ebenfalls schon seit der Antike bekannt ist) findet sich bis heute in vielen Gebäuden, Gemälden, in der Musik, sogar in der Natur. Warum also nicht auch bei Autos?

Flach und breit gleich schön?
Ein britischer Zulassungs-Dienstleister hat vor einiger Zeit die Stirnseiten von Autos, also ihr „Gesicht“, nach den Regeln des Goldenen Schnitts vermessen und auf dieser Basis eine Liste der schönsten Autos aller Zeiten erstellt – sozusagen mit mathematischer Präzision. Demnach kommt der McLaren F1 von 1994 dem Goldenen Schnitt am nächsten, dahinter folgen der Lamborghini Miura (1970) und der Ferrari TR250 (1957). Weit vorne liegen auch der Lancia Stratos, der Ford GT 40, der Lamborghini Countach und der Bugatti Chiron. Bestplatziertes deutsches Auto in der Liste ist – kaum verwunderlich – der Porsche 911, der es allerdings nur auf Platz 23 bringt.

Nach dieser Aufstellung sind schöne Autos also vor allem flach und breit, was in der Regel auf Sportwagen zutrifft. Eine Einschätzung, mit der vermutlich viele Autofans „aus dem Bauch heraus“ übereinstimmen, auch wenn sie zuvor keine mathematischen Formeln durchgerechnet haben. Nicht umsonst ziehen Sportwagen auf Autoshows oder Oldtimertreffen in der Regel die größte Aufmerksamkeit auf sich. Klingt also stimmig – aber ist die Liste auch korrekt?

Alltagsfahrzeuge auf dem Treppchen?
Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Denn im vergangenen Jahr hat das internationale Autoportal Carwow ebenfalls Frontansichten von Autos (allerdings nur Modelle aus der Zeit zwischen 2011 und 2020) untersucht, nach eigenen Angaben ebenfalls nach den Regeln des Goldenen Schnitts. Und seltsam: Im Carwow-Ranking findet sich der Grundsatz „Flach und breit = schön“ nirgends wieder. Auf den Spitzenplätzen landen hier Autos mit einer eher „würfelförmigen“ Front: auf Platz 1 das Smart Fortwo Cabrio von 2016, dahinter der VW up! (2011) und der Opel Mokka X (2016). Auch die Nächstplatzierten, der Toyota Corolla (2019), der Nissan Micra (2013) und der Suzuki Swift Sport (2018), wären von den meisten vermutlich unter „praktisch, aber optisch eher schlicht“ eingeordnet worden.

Da stellt sich die Frage, wer hier exakter gerechnet hat. Als mathematischer Laie bleibt man jedenfalls etwas verwirrt zurück. Instinktiv tendiert man wohl zum ersten Ranking, in dem die eleganten (aber meist auch kaum erschwinglichen) Sportwagen-Flundern als besonders schön gelten. Das klingt nachvollziehbar. Andererseits: Wäre es nicht toll, wenn man als Besitzer eines vernünftigen, schlichten Alltagsautos sagen könnte, dass es nach dem Prinzip des Goldenen Schnitts das harmonischere Design hat?

Vielleicht bleibt es ja doch dabei: Goldener Schnitt hin oder her – Schönheit liegt im Auge des Betrachters.